Ausleitende Verfahren: Schröpfen, Aderlass & Co.
Schröpfen, Aderlass, Blutegel, Baunscheidt: Die ausleitenden Verfahren zählen zu den ältesten Methoden der Naturheilkunde. Dieser Beitrag erklärt, was dahintersteckt, woher die Idee stammt, was zur Wirkung bekannt ist – und wo klare Grenzen und Risiken liegen.

Kaum eine Gruppe von Methoden wirkt heute so fremd und zugleich so vertraut wie die ausleitenden Verfahren. Fremd, weil ihre Idee – „Schädliches aus dem Körper leiten“ – aus einer Zeit stammt, in der man den Menschen ganz anders verstand. Vertraut, weil das Schröpfen mit seinen runden roten Malen längst wieder in Wellness-Studios und auf den Rücken von Spitzensportlern angekommen ist. Wir ordnen die Verfahren ruhig ein und sagen ehrlich, was man weiß und was nicht.
Was sind ausleitende Verfahren?
Der Begriff ausleitende Verfahren (auch „Ab- und Ausleitungsverfahren“) fasst mehrere traditionelle naturheilkundliche Methoden zusammen, die eines gemeinsam haben: Sie sollen den Körper anregen, vermeintlich krankmachende oder überschüssige Stoffe abzugeben. Klassisch dazu gezählt werden das Schröpfen, der Aderlass, die Blutegeltherapie und das Baunscheidtverfahren. In einem weiteren Sinn werden manchmal auch das Cantharidenpflaster oder das Setzen von Reizen an der Haut dazugerechnet.
Die Verfahren arbeiten mit körpernahen Reizen: Unterdruck auf der Haut, ein gezielter kleiner Schnitt, der Biss eines Blutegels oder das Einbringen eines Hautreizes. Anders als die sanfte Hydrotherapie nach Kneipp setzen viele dieser Methoden also direkt am Blut oder an der Haut an. Sie werden traditionell begleitend eingesetzt – nicht als eigenständige Behandlung einer Erkrankung. Einen guten Überblick über den größeren Zusammenhang gibt der Naturheilverfahren-Ratgeber.
Der historische Hintergrund: die Säftelehre
Um die ausleitenden Verfahren zu verstehen, muss man in die Antike zurückblicken. Über viele Jahrhunderte prägte die Humoralpathologie – die sogenannte Säftelehre – das medizinische Denken in Europa. Auf Hippokrates und später Galen zurückgehend, ging sie davon aus, dass der Körper von vier Säften bestimmt wird: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Solange diese Säfte im Gleichgewicht standen, galt der Mensch als gesund. Ein Übermaß oder „Verderben“ eines Saftes hingegen sollte Krankheit auslösen.
Aus dieser Vorstellung folgte eine klare Logik: Was zu viel oder „verdorben“ war, musste hinaus. Man wollte den überschüssigen Saft ableiten – durch Aderlass, durch das Ziehen von Blut mittels Schröpfglas oder Blutegel, durch schweißtreibende, abführende oder harntreibende Mittel. Der Aderlass war über Jahrhunderte eine der häufigsten ärztlichen Maßnahmen überhaupt und wurde bei den unterschiedlichsten Beschwerden angewendet.
Mit dem Aufkommen der modernen Medizin im 19. Jahrhundert – der Zellularpathologie, der Bakteriologie und einem naturwissenschaftlichen Krankheitsverständnis – verlor die Säftelehre ihre Grundlage. Der Gedanke des „Ausleitens“ überdauerte jedoch in der Naturheilkunde. Wichtig ist deshalb die Einordnung: Die historische Begründung der Verfahren gilt heute als überholt. Das heißt nicht automatisch, dass jede einzelne Anwendung wirkungslos ist – aber der ursprüngliche Erklärungsrahmen der vier Säfte trägt nicht mehr.
Die Methoden im Überblick
Die einzelnen Verfahren unterscheiden sich deutlich in Aufwand und Eingriffstiefe. Manche berühren die Haut nur mit Unterdruck, andere setzen einen kleinen Schnitt oder eine Wunde. Ein Überblick:
Trockenes und blutiges Schröpfen
Beim trockenen Schröpfen werden Gläser oder Silikonglocken auf die Haut gesetzt, in denen ein Unterdruck erzeugt wird – klassisch durch kurzes Erhitzen der Luft, heute oft mit einer kleinen Saugpumpe. Die Haut wird dabei in das Glas gezogen; es entsteht eine örtliche Mehrdurchblutung und häufig ein Bluterguss, der die typischen runden Male hinterlässt. Beim blutigen (nassen) Schröpfen wird die Haut vor dem Aufsetzen mit feinen Stichen geritzt, sodass unter dem Glas etwas Blut austritt. Eine Sonderform ist die Schröpfmassage, bei der ein Glas über die eingeölte Haut gleitet. Das Schröpfen (Cupping) ist heute das bekannteste ausleitende Verfahren.
Aderlass
Beim Aderlass wird über eine Vene eine definierte Menge Blut entnommen. In der Naturheilkunde wird er in der Regel deutlich dosierter durchgeführt als in historischen Zeiten. Unabhängig von der Tradition gibt es beim Aderlass auch eine klare schulmedizinische Anwendung: Bei bestimmten Erkrankungen wie der Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) oder der Blutfülle Polyzythämie ist der Aderlass eine anerkannte, ärztlich verordnete Therapie – dann allerdings mit einer präzisen medizinischen Begründung, nicht mit der Säftelehre.
Blutegeltherapie
Bei der Blutegeltherapie werden medizinische Blutegel an bestimmte Hautstellen angesetzt. Sie saugen Blut und geben dabei über ihren Speichel eine Reihe von Substanzen ab – darunter gerinnungshemmende und gefäßerweiternde Stoffe. Nach dem Ansaugen kann die kleine Wunde noch mehrere Stunden nachbluten. Blutegel werden traditionell bei örtlichen Gelenk- und Venenbeschwerden angewendet. In der Chirurgie kommen sie zudem gezielt zum Einsatz, um nach Wiederannähung von Gewebe den venösen Blutabfluss zu verbessern.
Baunscheidtverfahren
Das Baunscheidtverfahren, benannt nach dem Erfinder Carl Baunscheidt, arbeitet mit einem Gerät, das viele feine Nadelstiche in die Haut setzt. Anschließend wird ein hautreizendes Öl aufgetragen, das eine örtliche Rötung und Quaddelbildung hervorruft. Ziel ist ein starker Hautreiz, über den – nach traditioneller Vorstellung – „ausgeleitet“ werden soll. Das Verfahren ist heute seltener anzutreffen als Schröpfen oder Blutegel.
| Verfahren | Prinzip | Traditionell genutzt bei |
|---|---|---|
| Trockenes Schröpfen | Unterdruck auf der Haut, ohne Verletzung | Verspannungen, Nacken- und Rückenbeschwerden |
| Blutiges Schröpfen | Ritzen der Haut, danach Unterdruck mit Blutaustritt | örtliche Schmerz- und Verspannungszustände |
| Aderlass | dosierte Blutentnahme über eine Vene | Gefühl von „Blutfülle“; medizinisch bei Hämochromatose/Polyzythämie |
| Blutegeltherapie | Saugen von Blut, Abgabe von Egelspeichel | Kniearthrose, örtliche Gelenk- und Venenbeschwerden |
| Baunscheidtverfahren | feine Nadelstiche plus hautreizendes Öl | Rücken- und Gelenkbeschwerden, „Reiztherapie“ |
Trockenes Schröpfen verletzt die Haut nicht und ist entsprechend risikoärmer. Sobald die Haut geritzt wird (blutiges Schröpfen, Blutegel, Baunscheidt), steigen Infektions- und Blutungsrisiko. Fragen Sie vor einer Behandlung gezielt nach, welche Variante angewendet wird und wie die Hygiene sichergestellt ist.
Was ist zur Wirkung bekannt?
Hier lohnt sich besondere Ehrlichkeit, denn die Studienlage ist dünner und uneinheitlicher, als die Popularität mancher Verfahren vermuten lässt. Am besten untersucht ist das Schröpfen. Es gibt einzelne Übersichtsarbeiten, vor allem zu Nacken- und Rückenschmerzen, die auf kurzfristige Verbesserungen bei Schmerz und Beweglichkeit hindeuten. Die Aussagekraft dieser Studien ist jedoch begrenzt: Sie sind oft klein, methodisch schwach und schwer zu verblinden – die runden Male machen eine echte Scheinbehandlung praktisch unmöglich. Das US-amerikanische Zentrum für ergänzende und integrative Gesundheit (NCCIH) fasst die Evidenz für Schröpfen deshalb als begrenzt und von niedriger Qualität zusammen.
Für die Blutegeltherapie gibt es die vielleicht am klarsten positiven Einzelbefunde: Kleinere kontrollierte Studien zur Kniearthrose berichten über eine kurzfristige Schmerzlinderung. Auch hier bleibt die Datenbasis aber schmal. Der chirurgische Einsatz von Blutegeln zur Durchblutungsförderung ist davon getrennt zu betrachten – er hat eine andere, gut nachvollziehbare Begründung.
Für den Aderlass und das Baunscheidtverfahren als naturheilkundliche Ausleitung fehlt es an belastbaren, hochwertigen Studien weitgehend. Beim Aderlass ist – wie erwähnt – streng zu trennen zwischen der klar belegten schulmedizinischen Indikation und der traditionellen Anwendung.
Ein ehrliches Fazit lautet daher: Für einzelne Verfahren und Beschwerden gibt es Hinweise auf eine kurzfristige, meist schmerzbezogene Wirkung, wie sie zum Teil auch bei Massage oder Wärmeanwendungen zu beobachten ist. Ein Beleg, dass tatsächlich „Schädliches ausgeleitet“ wird, existiert nicht – die Wirkung, soweit vorhanden, lässt sich mit Durchblutung, Reizsetzung und begleitenden Effekten besser erklären als mit der Säftelehre. Wer eine gut untersuchte, sanfte Alternative sucht, findet sie eher in der Pflanzenheilkunde.
Risiken, Nebenwirkungen und Grenzen
So harmlos manche Verfahren wirken – gerade die blutigen Varianten sind nicht ohne. Häufig und meist harmlos sind bei allen Schröpfformen die sichtbaren Blutergüsse, die mehrere Tage bestehen bleiben. Beim blutigen Schröpfen, bei Blutegeln und beim Baunscheidtverfahren wird die Haut verletzt; damit besteht ein Infektionsrisiko, und bei Blutegeln zusätzlich das einer verstärkten oder verlängerten Nachblutung. Selten kann es zu allergischen Reaktionen, Narben oder – bei unsauberem Arbeiten – zu ernsteren Wundinfektionen kommen.
Besonders wichtig sind die Kontraindikationen: Situationen, in denen ausleitende Verfahren nicht angewendet werden sollten. Dazu zählen eine bestehende Blutverdünnung (etwa mit Gerinnungshemmern), Blutgerinnungsstörungen, eine Anämie (Blutarmut) sowie die Schwangerschaft. Auch bei geschwächtem Immunsystem, schlecht heilenden Wunden oder Hauterkrankungen im Behandlungsgebiet ist Vorsicht geboten.
Blutige ausleitende Verfahren bergen ein Infektions- und Blutungsrisiko. Sie sind nicht geeignet bei Blutverdünnung, Blutgerinnungsstörungen, Anämie und in der Schwangerschaft. Nur bei fachkundiger und hygienischer Durchführung anwenden. Diese Verfahren ersetzen keine ärztliche Behandlung. Bei starken, anhaltenden oder unklaren Beschwerden bitte ärztlich abklären lassen – im Notfall die 112 wählen.
Damit ist der wichtigste Punkt genannt: Ausleitende Verfahren sind – wenn überhaupt – als begleitende Maßnahme zu verstehen. Sie können ein subjektives Wohlgefühl oder eine kurzfristige Schmerzlinderung unterstützen, aber sie klären keine Ursache ab und behandeln keine Krankheit ursächlich. Wer sie ausprobieren möchte, sollte auf eine sorgfältige, hygienisch einwandfreie Durchführung durch fachkundige Personen achten, offen über Vorerkrankungen und Medikamente sprechen und die Verfahren als Ergänzung, nicht als Ersatz zur ärztlichen Versorgung sehen.
Häufige Fragen
Was sind ausleitende Verfahren?
Ausleitende Verfahren sind traditionelle naturheilkundliche Methoden, die den Körper anregen sollen, vermeintlich „krankmachende Stoffe“ abzugeben. Dazu zählen vor allem Schröpfen, Aderlass, die Blutegeltherapie und das Baunscheidtverfahren. Ihr gemeinsamer Grundgedanke stammt aus der historischen Säftelehre. Sie werden traditionell begleitend eingesetzt und ersetzen keine ärztliche Behandlung.
Ist Schröpfen wissenschaftlich belegt?
Für Schröpfen gibt es einzelne Studien, vor allem zu Nacken- und Rückenschmerzen, die kurzfristige Verbesserungen andeuten. Die Aussagekraft ist jedoch begrenzt: Viele Studien sind klein, methodisch schwach und lassen sich schwer verblinden. Fachstellen wie das US-amerikanische NCCIH stufen die Evidenz insgesamt als schwach und uneinheitlich ein.
Wofür wird die Blutegeltherapie traditionell genutzt?
Die Blutegeltherapie wird traditionell bei Gelenkbeschwerden wie Kniearthrose sowie bei örtlichen Schmerzen und Venenbeschwerden angewendet. Für die Kniearthrose gibt es kleinere Studien mit Hinweisen auf eine kurzfristige Schmerzlinderung. In der rekonstruktiven Chirurgie werden medizinische Blutegel zudem eingesetzt, um den Blutfluss in wiederangenähtem Gewebe zu verbessern.
Welche Risiken haben ausleitende Verfahren?
Bei blutigen Verfahren bestehen vor allem Infektions- und Blutungsrisiken; Schröpfgläser hinterlassen oft tagelang sichtbare Blutergüsse. Nicht geeignet sind sie unter anderem bei Blutverdünnung, Blutgerinnungsstörungen, Anämie und in der Schwangerschaft. Sie sollten nur bei fachkundiger, hygienischer Durchführung angewendet werden.
Was ist der Unterschied zwischen trockenem und blutigem Schröpfen?
Beim trockenen Schröpfen wird nur ein Unterdruck auf der Haut erzeugt, ohne sie zu verletzen. Beim blutigen (nassen) Schröpfen wird die Haut vorher mit feinen Stichen geritzt, sodass unter dem Glas etwas Blut austritt. Das blutige Schröpfen ist invasiver und mit einem höheren Infektions- und Blutungsrisiko verbunden.
Ersetzen ausleitende Verfahren eine ärztliche Behandlung?
Nein. Ausleitende Verfahren werden allenfalls begleitend eingesetzt und können eine ärztliche Diagnose und Behandlung nicht ersetzen. Bei starken, anhaltenden oder unklaren Beschwerden gehört die Ursache immer zuerst ärztlich abgeklärt.
Quellen & Literatur
- IQWiG – gesundheitsinformation.de. Verständliche Gesundheitsinformationen zu Beschwerden und Behandlungen. Abgerufen 2026.
- NCCIH (National Center for Complementary and Integrative Health). Cupping – What You Need To Know. Abgerufen 2026.
- Carstens-Stiftung. Natur und Medizin: Informationen zu Naturheilkunde und ausleitenden Verfahren. Abgerufen 2026.
- Cramer H, Klose P, Teut M et al. Cupping for Patients With Chronic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. The Journal of Pain, 2017. Abgerufen 2026.
- Michalsen A, Klotz S, Lüdtke R et al. Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee. Annals of Internal Medicine, 2003. Abgerufen 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde. Grundlagen und Verfahren der klassischen Naturheilkunde. Abgerufen 2026.
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